Musik / Backstage

"Wenn das jemanden irritiert, soll er eben etwas anderes hören"

kehrt mit A Perfect Circle nach 14 Jahren Pause zurück auf die große Bühne

Die Suite im Londoner Hotel ist auf einen anderen Namen gebucht - nur keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Man läuft durch einen langen, schmalen Flur, betritt das Zimmer. Da sitzt er am Ende eines großen Holztisches, die Hände darauf verschränkt, mit abgewendetem Blick. Maynard James Keenan, inzwischen 54 Jahre alt, ohne Toupet und Make-up, in Jeans, Kapuzenpulli, Tattoos und Schlappen, hat sich mit seinen drahtigen 1,70 Metern in seinen Sessel zementiert und bewegt sich kein Stück. Wer seine Biografie kennt, denkt sofort an seine Kampfsport-Begeisterung, und daran, dass er einst schon eine Laufbahn beim US-Militär einschlug und versehentlich fast in West Point landete. Er entschied sich stattdessen doch für die Musik und wurde mit der Band Tool zum gefeierten Rockstar. Später machte er sich außerdem als erfolgreicher Winzer einen Namen. Ein großes Hallo gibt es nicht. Maynard, der als medienscheu und kauzig gilt, will es hinter sich bringen. Fragen zu Tool sind streng verboten, es geht um das neue Album von A Perfect Circle - Maynards erste große Veröffentlichung seit mehr als zehn Jahren.

teleschau: Das neue Album von A Perfect Circle heißt "Eat The Elephant". Also: Um was für einen Elefanten geht es hier, und wer soll ihn essen?

Maynard James Keenan: (lacht) Ja, das ist die Frage ...

teleschau: Sie wissen es nicht?

Maynard: Nun, wir wollen eben, dass die Menschen die Musik hören, und wenn sie das ganze Album hören, finden sie vielleicht selbst eine Antwort darauf.

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teleschau: Aber für sich selbst haben Sie doch bestimmt eine Antwort, oder?

Maynard: (grinst) Nein, ich habe nie Antworten für so etwas. Ich werfe lieber Fragen auf.

teleschau: Nach 14 Jahren ohne neues Album reagierten viele Menschen überrascht auf die Ankündigung von "Eat The Elephant". Wie war das bei Ihnen: War Ihnen immer klar, dass da noch etwas kommen würde?

Maynard: Es war zumindest nie ausgeschlossen. Im Endeffekt geht es immer um das Timing, also um die Frage: Wann habe ich genug Zeit dafür? Ich gehe kein Projekt an, wenn ich nicht weiß, ob ich die Zeit habe, die Sache vernünftig durchzuziehen. Ich möchte mich einfach fokussieren können und mich den Dingen mit dem Respekt widmen, den sie verdienen.

teleschau: Standen Sie immer in Kontakt mit Billy Howerdel und den übrigen Bandkollegen von A Perfect Circle?

Maynard: Ja, der Kontakt war immer da. Es hat zwischendurch ja auch einige Live-Auftritte gegeben.

teleschau: Mit dem neuen Album werden Sie auch auf Tour gehen, unter anderem treten Sie in Berlin sowie bei Rock am Ring und Rock im Park auf. Wer kümmert sich um die Weinfelder in Arizona, wenn Sie mit APC unterwegs sind?

Maynard: Die Ernte startet Ende Juli und dauert voraussichtlich bis Mitte Oktober - dann muss und werde ich auch vor Ort sein.

teleschau: Wenn der Wein ruft, müssen andere Dinge warten ...

Maynard: Korrekt. Beim Produzieren von Wein ist das wie beim Schreiben, man muss einfach präsent sein. Ansonsten stellst du keine Verbindung zu dem Produkt her, und die Dinge entgleiten dir. Dieser Wein - das bin eben ich, das ist mein Wein. Ich lasse ja auch nicht andere Menschen das Songschreiben für mich übernehmen.

teleschau: Die Songs, die man nun auf "Eat The Elephant" hört: Da gibt es plötzlich Techno-Elemente, Pop, HipHop-Beats und ungewohnt viel Humor - also viele Dinge, die man so bei A Perfect Circle bisher nicht kannte. Haben Sie sich ganz bewusst um diese musikalische Neuausrichtung bemüht?

Maynard: Nein. Man muss bedenken, dass jedes der früheren Alben auch aus einer bestimmten Zeit kam, also aus den frühen 2000er-Jahren. Seitdem hat sich unheimlich viel verändert - für uns persönlich, in der Musikindustrie, in der Politik, mit Blick auf die Umwelt und technologisch. So etwas wie Smartphones gab es damals noch nicht.

teleschau: Man kann dennoch davon ausgehen, dass einige Fans irritiert reagieren werden. Der Gedanke bereitet Ihnen doch sicher auch ein wenig Freude, oder?

Maynard (leicht genervt): Nein, überhaupt nicht. Ich tue eben, was ich tue, und wenn das jemanden irritiert, soll er eben etwas anderes hören, das ist mir egal. Ich will die Menschen jedenfalls nicht verarschen, indem ich ein klassisches A-Perfect-Circle-Album veröffentliche. Ich glaube an diese Songs und an den Ansatz, den wir hier gewählt haben.

teleschau: Nach soliden Top-10-Ergebnissen in der Vergangenhet wird "Eat The Elephant" wahrscheinlich als erstes APC-Album die Spitze der Charts erklimmen, zumindest in den USA ...

Maynard: Oh, ja? Kann sein, keine Ahnung. Für manche Leute ist das wohl wichtig, früher war es wahrscheinlich noch wichtiger.

teleschau: Ihnen ist es egal?

Maynard: Nein, das nicht. Wenn das Album weit oben landet, ist das schön. Aber die Charts haben sicher keinen Einfluss darauf, wie sich unsere Musik entwickelt. So bin ich nicht gestrickt.

teleschau: Mit A Perfect Circle, Tool und Puscifer gibt es drei verschiedene Bands, in denen Sie aktiv sind. Wie gehen Sie da jeweils heran? Gibt es für jedes dieser Projekte einen eigenen Ansatz, wenn Sie schreiben - eine bestimmte Perspektive?

Maynard: Eigentlich nicht. Die Musik kommt immer zuerst, und sie diktiert, in welche Richtung ich mich bewege. Deswegen ist es aber für mein Schreiben auch kein fließender Übergang zwischen den Bands: Die Kollegen, mit denen ich arbeite, unterscheiden sich natürlich darin, wie sie Musik denken, und deshalb gibt es von Haus aus auch bei jedem Projekt eine andere Art der "Konversation".

teleschau: Eine sehr spezielle Konversation gibt es auch zwischen Ihnen und der Öffentlichkeit - wobei Sie da auch oft Verwirrung stiften. Gehört es zu Ihrer Kunst, dass Sie sich als Person nicht entschlüsseln lassen?

Maynard: Nun, man kann da an der Oberfläche kratzen, oder man gräbt etwas tiefer und entdeckt vielleicht etwas. Ich finde es einfach schwer, über Musik zu sprechen. Das ist, als würde man zu Architektur tanzen. Und wenn ich mich als Person in der Öffentlichkeit kryptisch äußere, dann natürlich auch, weil mein persönliches Leben für die Musik keinerlei Bedeutung hat - das geht niemanden etwas an.

teleschau: Sie sind eben ein Rockstar. Deshalb interessieren sich die Menschen für Sie.

Maynard: Ich entschied mich nicht für die Musik, um berühmt zu werden oder um Interviews führen zu können, sondern weil ich gerne Musik mache. Als nebensächlicher Aspekt kommt dann eben hinzu, dass sich die Menschen auf mich fokussieren und verlangen, dass ich mich erkläre. Es ist dann letztlich wie bei einem Gemälde an der Wand, einer Flasche Wein, einem sehr schönen Möbelstück oder einem Film: Was du darin entdeckst, hängt sehr von dir selbst ab und davon, was du mitbringst. Meine Einstellung und ein Klischee bezüglich meiner Persönlichkeit sind jedenfalls zwei grundverschiedene Dinge. Das eine bin ich, und das andere - das kommt von dir.

teleschau: Sie wollen es den Menschen wohl nicht zu leicht machen.

Maynard: Wenn man ein Stück Kunst betrachtet, muss man sich immer selbst mit einbringen, und was du darin siehst, hängt immer auch davon ab, was in deiner Welt gerade passiert. Vielleicht siehst du morgen etwas ganz anderes in einem Gemälde als heute, oder du siehst gar nichts. Ich möchte nichts "wegerklären" und dir zumindest die Möglichkeit geben, selbst etwas zu entdecken - diese Erfahrung halte ich für sehr wichtig.

teleschau: Ist das ein generelles Problem im heutigen Kulturbetrieb: dass zu viel erklärt wird?

Maynard: Mit Blick auf die heutige Generation ist das sicher ein Thema. Wenn man heute ins Kino geht, hat man eigentlich schon den ganzen Film vorher im Trailer gesehen. Es gibt keine Überraschungen mehr. Aber das ist die Welt, in der wir jetzt leben. Über das Internet erfährst du alles wann immer du willst, und wenn wir einen zusätzlichen Tag auf ein kostenfrei versendetes Amazonpaket warten müssen, flippen wir aus und schreien danach vielleicht irgendeinen Fremden am Telefon an. Wir leben, was das angeht, in einem Zeitalter extrem hoher Ansprüche. Wir haben keine Geduld mehr und verlieren gleichzeitig den Bezug zu "echter" Arbeit oder anderen Dingen, bei denen man sich auch mal die Hände schmutzig macht.

teleschau: Ist das auch ein Grund dafür, dass Sie Winzer wurden, oder für Ihre jahrelange Begeisterung für Jiu Jitsu?

Maynard: Durchaus, ja. Gerade Jiu Jitsu kann auch sehr demütigend sein - das hilft dir definitiv dabei, dich zu erden.

John Fasnaugh

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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