Musik / Backstage

"Ich habe richtige Alte-Leute-Probleme!"

Der Kopf von Status Quo geht wieder auf "Rock Meets Classic"-Tour

Was haben Alice Cooper, Ian Gillan von Deep Purple, Don Felder von den Eagles und Midge Ure gemeinsam? Sie alle waren schon mit "Rock Meets Classic" auf Tournee. Im April geht die erfolgreiche Konzertreihe, die in den letzten acht Jahren über 500.000 Besucher in fünf Ländern anlockte, in die nächste Runde. Das Konzept bleibt gleich: Bekannte Rockmusiker treffen auf das RMC Symphonie Orchestra, um ihre größten Hits in neuem Gewand zu präsentieren. Mit dabei sind dieses Mal Leo Leoni & Nic Maeder von Gotthard, John Helliwell & Jesse Siebenberg von Supertramp, Eric Bazilian von The Hooters, Michael Sadler von Saga sowie Francis Rossi. Letzterer ist bekannt als Sänger und Gitarrist von Status Quo. Im Interview verrät Rossi, ob er Klassik-Fan ist, wie ihn der Tod seines ehemaligen Bandkollegen und Freundes verändert hat und was die Zukunft für Status Quo bringt.

teleschau: Herr Rossi, können Sie als Rockmusiker etwas mit Klassik anfangen?

Francis Rossi: Zu einem gewissen Grad schon, ja. Ich mag italienische Oper, allen voran Pavarotti. Aber ich bin kein Aficionado. Sagen wir so: Ich kenne die bekannten Sachen. Echte Liebhaber würden sicherlich denken, dass ich ein Blender bin (lacht).

teleschau: Warum wollten Sie Teil der Konzertreihe "Rock Meets Classic" sein?

Rossi: Um ehrlich zu sein: Es ist ein Engagement! Ich würde Ihnen gerne erzählen, dass ich das schon immer machen wollte, aber das stimmt nicht. Wir waren in der Vergangenheit bereits bei der Night Of The Proms dabei, das war aber eher eine Varieté-Show und etwas fad. In unserer kapitalistischen Welt sucht die Industrie eben immer wieder nach neuen Wegen, um Tickets zu verkaufen. "Rock Meets Classic" gefällt mir da deutlich besser. Es geht mehr um Rock, die Bands passen sehr gut zusammen. Als ich jung war, wäre es verpönt gewesen, bei so etwas mitzumachen - aber solche Engagements sind womöglich die Zukunft für viele Künstler.

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teleschau: Klassik und Rock scheinen auf den ersten Blick sehr gegensätzlich. Warum passen sie trotzdem gut zusammen?

Rossi: In meinen Augen erscheinen sie nur deshalb so gegensätzlich, weil das eine akustische und das andere elektronische Instrumente sind. Früher dachte ich, dass klassische Musik gute Musik und der Rest Mist ist. Aber am Ende des Tages ist beides bloß ein Haufen Noten. Ich finde übrigens, dass die Reihe eigentlich "Rock Meets Orchestra" heißen müsste, denn in Wirklichkeit trifft Rockmusik ja nicht auf Klassik, sondern eben ein Orchester. Das ist schon ein Spektakel.

teleschau: Was genau erwartet die Leute?

Rossi: Ich werde Songs wie "Caroline", "Wanderer", "In The Army Now" und "Burning Bridges" spielen. Letzteres passt wirklich sehr gut zu den Streichern. Ich hoffe, dass es ein toller Abend wird, aber ich bin nicht besonders gut darin, den Besuchern zu sagen: "Kommt vorbei, das wird der beste Abend eures Lebens!" Woher soll ich das auch wissen?

teleschau: Warum so bescheiden?

Rossi: Unsere Welt ist so voll mit Erwartungshaltung. Ob wir in den Supermarkt gehen und Müsli kaufen oder uns einen neuen Film angucken - alles wird uns als so großartig verkauft, dass die Realität dem am Ende nie standhalten kann. Deswegen versuche ich, so etwas nicht mehr zu sagen. Es wird ein Konzert, und wir geben alle unser Bestes. Was am Ende dabei herauskommt, weiß man nie. Neulich habe ich ein Akustikkonzert gespielt. Das lief so super, dass ich zu meiner Band meinte: Morgen wird richtig gut. Am nächsten Tage habe ich einen Fehler nach dem nächsten gemacht. Hochmut kommt vor dem Fall. Man darf sich nie zu sicher sein.

teleschau: Auch nach all den Jahren nicht?

Rossi: Nein. Egal, wie gut ich gestern war: Das war gestern, ich kann es nicht auf heute übertragen. Und egal, wie schlecht ich gestern war: Auch das muss ich nicht mitnehmen. Man fängt von vorne an. Manchmal ist das frustrierend, aber anderseits ist das doch genau der Grund, warum immer weitermacht. Im Grunde ist es wie beim Sex: Manchmal klappt es, und manchmal eben nicht.

teleschau: Apropos Weitermachen: "The Last Night of the Electrics" sollte 2016 eigentlich die letzte Tour von Status Quo mit elektrischen Gitarren sein. Doch dann erlitt Ihr Gitarrist Rick Parfitt nach einem Konzert in Antalya einen Herzinfarkt ...

Rossi: Ihn auf dem Boden liegen zu sehen, war furchtbar. Er verließ den Raum auf einer Trage und wir dachten, er sei tot. Ich meine - wir wussten, dass es passieren würde. Rick war diese Art Typ. Aber die Realität war trotzdem hart. Am nächsten Morgen war er dann an lebenserhaltende Maßnahmen angeschlossen. Und ein paar Wochen später war er nicht mehr der Mann, der er zuvor gewesen war.

teleschau: Trotzdem haben Sie weitergemacht. Warum?

Rossi: Rick wollte es so. Am Anfang hat der Sohn unseres Bassisten ihn ersetzt. Er war ja Teil der Familie, also war das okay, und es war nur temporär. Als klar war, dass Rick nicht mehr zur Band zurückkehren würde, engagierten wir Richie Malone. Rick war der Meinung, dass er der Einzige wäre, der ihn ersetzen kann. Ich habe es Richie am Anfang vermutlich schwergemacht, weil er nicht Rick war ...

teleschau: Die Tour blieb dann doch nicht ihre letzte elektrische Tour. Was ist passiert, dass Sie plötzlich doch wieder Lust hatten weiterzumachen?

Rossi: Die Dinge begannen, sich zu ändern. Dieser junge Kerl Richie hat irgendetwas mit uns alten Männern gemacht. Wir mussten auf einmal wieder mehr aufpassen, was wir da machen. Und wir hatten plötzlich wieder mehr Spaß. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass mir meine eigene Sterblichkeit bewusst wurde, oder ob es damit zu tun hat, dass man die Dinge nicht zu schätzen weiß, bis man sie verliert. Man wird sehr selbstgefällig, wenn man in einer Band spielt, die schon so lange dabei ist. Jedenfalls: Ich verstehe selbst nicht genau, was da passiert ist. Ich wollte wirklich aufhören, aber es kam anders. Ich hätte mir früher auch nicht vorstellen können, dass es Queen ohne Freddy Mercury gibt - ist aber so, und es funktioniert sogar sehr gut.

teleschau: Rick Parfitt verstarb im Dezember 2016. Vermissen Sie ihn?

Rossi: Anfangs habe ich das, aber ich gewöhne mich daran. Wissen Sie, der Rick, den ich einst kennenlernte, schrieb wunderbare Lieder und hatte eine wunderschöne, süße Stimme. Aber irgendjemand hat ihm in den letzten Jahren eingeredet, dass er dieses Rock'n'Roll-Ding durchziehen muss. Er nutzte auf einmal Ausdrücke wie "kick ass". Wenn mir jemand in den Arsch tritt, dann trete ich zurück. Ich habe das nie verstanden, diesen Rock'n'Roll Lifestyle.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Rossi: Sich jeden Abend zu betrinken und Drogen zu nehmen, ist in meinen Augen eher daneben. Was bitte soll daran fantastisch sein, einen Fernseher aus dem Fenster zu werfen? Am nächsten Morgen schreibt man einen Scheck, um ihn zu ersetzen. Ich verstehe das alles nicht. Und irgendwie hatte Rick sich zuletzt diese Rock'n'Roll-Art angeeignet. Das war nicht der Rick, den ich kannte. Das vermisse ich nicht. Aber ich vermisse meinen alten Freund von damals. Neulich hörte ich den Song "All The Reasons" - da kam mir eine Träne. Aber der Tod gehört nun mal zum Leben dazu. Man kann ja deswegen nicht mit allem aufhören. Wenn ich morgens aufwache, dann muss ich etwas tun. Es gibt ja Leute, die am liebsten im Lotto gewinnen und nur noch in Spanien am Strand sitzen würden. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen.

teleschau: Müssen Sie immer beschäftigt sein?

Rossi: Ein paar Tage kann ich auch mal nichts tun. Weihnachten zum Beispiel. Dann mache ich den Kamin an, mache Kreuzworträtsel, nicke ein, wache auf, mache ein Puzzle, esse und fange wieder von vorne an. Aber nach ein paar Tagen muss ich dann wieder in mein Studio am Ende des Gartens. Dann merke ich, dass da etwas in mir ist, das raus will.

teleschau: Sie machen Musik, seit Sie 16 Jahre alt sind ...

Rossi: Das war die erste professionelle Band. Angefangen habe ich mit 12.

teleschau: Warum übt Musik nach all den Jahren, nach über 30 Alben und 120 Millionen verkauften Tonträgern, noch so einen Reiz auf Sie aus?

Rossi: Sie packt mich einfach. Ob das nun Pavarotti ist oder Blues. Wenn mein Vater etwas hörte, das ihm gefiel, sah es fast aus, als hätte er einen Krampf. So geht es mir auch. Ein Beispiel: Als Mitglied einer Semi-Macho-Rockband wie Status Quo gibt man natürlich eigentlich nicht zu, dass man die Pet Shop Boys mag, aber ich kann mir nicht helfen - wenn "It's A Sin" im Radio läuft, höre ich mit dem, was ich gerade tue, augenblicklich auf, drehe das Radio lauter und lausche diesem fantastischen Song. Das ist das Schöne an Musik: Man sieht es nicht kommen, aber plötzlich hat man diesen Moment der Glückseligkeit.

teleschau: Wie geht es in Zukunft mit Status Quo weiter?

Rossi: Ich bin angehalten worden, ein neues Status-Quo-Album zu machen und im Moment versuche ich zu entscheiden, wie es klingen soll. Wenn wir es machen, muss es natürlich einen gewissen Sound haben, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich will, dass es genau klingt wie früher. Vielleicht bin ich dieses Mal ein bisschen diktatorischer als sonst, mal gucken ...

teleschau: Sie werden nächstes Jahr 70 ...

Rossi: Ich weiß! Ich werde zwar erst kurz nach dem Ende der "Rock Meets Classic"-Tour 69, aber schon jetzt sage ich ständig "ich bin fast 70". Ich frage mich, warum. Als ich 14 war, habe ich ja auch keinem erzählt, dass ich bald 16 werde ... Aber ich sage Ihnen: Ab 40 ist es so, als würde man in einem BMW Richtung München sitzen. Alles rast an einem vorbei und es wird immer schneller und schneller. Also alles, was unsere Eltern und Großeltern immer sagten, ist wahr. Ich habe schon richtige Alte-Leute-Probleme!

teleschau: Was sind denn Alte-Leute-Probleme?

Rossi: Meine Beine jucken, und wenn ich sie kratze, fängt es an zu bluten. Viele alte Leute kriegen das. Oder auch: Um mich fit zu halten, schwimme ich jeden Morgen 70 Bahnen. Sobald ich 40 hinter mir habe, fängt der zweite Finger in meiner linken Hand an zu kribbeln und wird taub. Das sind Alte-Leute-Probleme. Wann bitte fing das an? Aber solange ich nicht in den Spiegel gucke, fühle ich mich noch gut (lacht).

teleschau: Sie nehmen's offenbar mit Humor!

Rossi: Ich habe einen sehr morbiden Humor. Unser Manager hatte früher zwei Border Collies: Rick und Francis. Rick starb irgendwann, Francis hielt noch ein paar Jahre durch, bis der arme Hund taub und blind war. Ich sage immer zu unserem Manager, dass ich schon die Schlagzeilen vor mir sehe, wenn ich sterbe: "Jetzt hat der andere auch seinen Löffel abgegeben." Hoffentlich nicht vor "Rock Meets Classic", sonst müssen sie noch einen Ersatz suchen!

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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