Kino / Portraits

"Wir machen nichts verkehrt"

Die Amigos veröffentlichen das neue Album "110 Karat"

Prince ließ sich mal ganze Hotelzimmer schwarz einrichten - von der Wand über die Möbel bis zu den Dekokerzen. Beyoncé ließ für ihre Tochter deren 17.000-Dollar-Kinderbettchen durch die halben USA fliegen. Und Madonna bestand einst auf Tour darauf, dass die jeweilige Toilette backstage einen neuen Sitz erhält, auf dem nur sie Platz nehmen durfte. Klar: Wer Erfolg hat, kann sich Starallüren leisten. Er kann es aber auch einfach lassen. Denn wenn man nach dem Erfolg geht, könnten sich die Amigos vor jedem ihrer Konzerte von dressierten Elefanten Kaviar in Blattgold servieren lassen. Immerhin hat das Schlager-Duo schon acht Nummer-eins-Alben in seiner Diskografie und spielt damit in einer ganz eigenen Liga. Dass es beim neuen Werk "110 Karat" anders wird, ist auch nicht zu erwarten. Von Starallüren ist trotzdem nichts zu spüren im Gespräch mit Bernd Ulrich (67), dem jüngeren der beiden Brüder.

teleschau: Sie haben von Anfang an Ihren Stiefel durchgezogen - jahrelang, ohne größere Beachtung zu erfahren. Dann kam der große Erfolg. Wenn der jetzt wegfallen würde, würden Sie dann genauso weitermachen?

Bernd Ulrich: Auf alle Fälle! Wir haben auf den Erfolg ja nicht gewartet. Wir haben in den 60er- und 70er-Jahren angefangen, damals haben wir natürlich nur Rock und Pop gespielt, später Country, weil meinem Bruder Karl-Heinz und mir diese Musik sehr gut gefällt. Schlager war aber immer im Augenwinkel mit dabei, auf Festen und Großveranstaltungen muss man ja auch alles spielen, was gewünscht wird. In den 80er-Jahren waren dann die Flippers ganz groß, da stellten wir allmählich auf Schlager um. 2006 kam erst der Erfolg. Bis dahin war Musik unser Hobby, so wie andere Leute zum Angeln gehen.

teleschau: Eine gewaltige Umstellung.

Ulrich: Natürlich überlegten wir dann auch, ob wir das wirklich machen wollen. Wer gibt denn schon einen gesicherten Beruf auf, mit sicherem Einkommen, um dann 200 Tage im Jahr unterwegs zu sein? Wir haben das mit der Familie abgesprochen. Die haben gesagt: Wenn ihr es jetzt nicht macht, dann nie mehr. Und zum Glück ist alles aufgegangen.

mehr Bilder

teleschau: Trotz Ihres Riesenerfolges bespielen Sie vor allem kleinere Bühnen: Ihre neue CD präsentieren Sie in Fichtenau, die Tour danach macht Station in Orten wie Lichtenfels, Holzminden oder Ehingen an der Donau. Sie könnten wahrscheinlich auch die Münchener Olympiahalle füllen. Warum tun Sie das nicht?

Ulrich: Weil es überschaubarer ist. Jeder kann auch noch vom letzten Platz aus die Bühne sehen. Zwei- oder dreitausend Menschen, mehr wollen wir gar nicht. Wir haben jetzt eine Crew von 15 oder 20 Mitarbeitern, da ist unser Manager dabei, die Leute vom Fanshop - alles sehr überschaubar für uns und gut zu regeln.

teleschau: Ist es Ihnen wichtig, die Kontrolle zu behalten?

Ulrich: Nö. Das lastet ja nicht nur auf meinen Schultern, wir haben ja auch einen Manager. Der hat viel zu tun, koordiniert die ganzen Konzerte, die Touren, die Hotels - das ist ein Riesenaufwand. Ich mache das, was die Amigos direkt betrifft. Gerade beschäftigen wir uns schon wieder mit dem neuen Album, das kommt am 13. Juli 2019 raus.

teleschau: Sie bringen seit Jahren verlässlich jedes Jahr ein Album heraus, dazu die Touren - ein volles Programm. Glauben Sie, diese Disziplin hat damit zu tun, dass Sie vorher so lange in "normalen" Jobs tätig waren?

Ulrich: Nein, das hat vor allem mit Spaß zu tun! Es macht einen Riesenspaß, wenn du jeden Abend durch den Vorhang guckst und siehst, da sind 2.000 Leute nur wegen dir und deiner Musik gekommen. Da ist es für uns eine Pflicht, auf der Bühne auch alles zu geben. Wenn ich in die Menschenmenge schaue, denke ich mir oft, manche von denen sind 100, 200, 300 Kilometer weit gefahren, nur um unser Konzert zu besuchen - und die müssen dann auch noch irgendwo übernachten, wollen was essen, das kostet alles Geld. Daran denken wir, und das ist uns Ansporn und Energie genug.

teleschau: Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten und zu den Anfängen Ihrer Karriere zurückkommen könnten, würden Sie sich selbst irgendeinen Tipp geben oder noch einmal alles genau so durchlaufen lassen?

Ulrich: Also, zum einen gibt es keine Zeitmaschinen. Zum anderen, wenn Sie einen Tipp hören wollen für junge Kollegen: Die sollen sich auf keinen Fall verbiegen lassen! Haben wir auch nie. Es kamen natürlich anfangs von den Plattenfirmen Ideen, aber wir wollten so bleiben, wie wir sind. Da haben wir so manche Türe zu gemacht.

teleschau: In welche Richtung sollten Sie sich denn verbiegen?

Ulrich: Ach, zum Beispiel sollten wir mal auf Englisch singen. Aber wir haben gesagt, das kommt nicht aus dem Herzen. Und man sollte immer nur das machen, was man fühlt.

teleschau: Nach allem, was Sie erlebt haben: Wenn der Erfolg plötzlich wieder ausbliebe, würden Sie nochmal zurück in Ihren Beruf als Braumeister gehen?

Ulrich: Ja klar, der Beruf hat mir ja Spaß gemacht. Den habe ich viele Jahrzehnte lang ausgeübt. Da sind so viele interessante Themen drin, Technik, Biologie, Chemie. Ich ging jeden Tag mit Freude in die Arbeit. Samstags machten wir noch Musik, sonntagabends musste ich schon wieder anfangen. Das hat mir aber nie etwas ausgemacht.

teleschau: Brauen Sie selbst noch privat? Es gibt ja aktuell diesen Trend zum Craft Beer ...

Ulrich: Ja, mit einem Kollegen, der eine Hausbrennerei hat, hab ich das mal gemacht. Ist etwas umständlich, macht aber Spaß. Aber dieser Trend, was heutzutage alles ins Bier reingeschüttet wird, das erschrickt mich schon.

teleschau: Sie sind also ein Verfechter des deutschen Reinheitsgebots?

Ulrich: Auf alle Fälle! Gott sei Dank haben wir das. Hopfen, Malz und Hefe. Sonst gehört da nix rein. Bier ist das reinste Getränk!

teleschau: Wenn es nach Bierbrauer und Schlagerstar noch eine dritte Karriere gäbe, was sollte das denn sein?

Ulrich: Ich habe in jungen Jahren gerne Fußball und Tennis gespielt, aber ich hatte nicht die Absicht, das berufsmäßig zu machen.

teleschau: Stattdessen wurden Sie mit der Musik ein Star. Auf Ihrem aktuellen Album gibt es einen Titel namens "Rio Grande", darin singen Sie: "Schick mir deine Tränen auf die Reise, ich werd' sie an meinem Ufer sehen ..." Würden Sie dem Song, wenn Sie ihn jetzt noch einmal aufnehmen würden, angesichts der aktuellen Ereignisse an dieser Grenze zwischen den USA und Mexiko einen anderen Namen geben?

Ulrich: Ich finde es schlimm, dass Familien so behandelt und von den Kindern getrennt werden. Der Trump ... na ja, wir wollen nicht politisch werden. Aber was die Amerikaner mit den Schwarzen gemacht haben, was sie mit den Indianern gemacht haben, und jetzt mit den Mexikanern ... Natürlich haben wir Deutschen auch eine große Last zu tragen. Niemand braucht sich so hervorzutun, was die Menschenrechte angeht. Überhaupt herrscht derzeit ein solches Durcheinander auf der Welt: Wir können auf den Mond fliegen und noch einen Aldi da oben eröffnen, kriegen aber nicht einmal das Darknet unter Kontrolle, wo Waffen geschmuggelt und Kinder missbraucht werden. Schrecklich. Aber ich glaube, wir sind ein bisschen vom Thema abgekommen.

teleschau: Okay, zurück in die Spur: Bei den Albumaufnahmen haben - wie schon in der Vergangenheit - Ihre Frau und Ihre Tochter im Backgroundchor mitgesungen. Wie ist das mit der Familie im Studio, wer hat die Hosen an während der Aufnahmen?

Ulrich: Da gibt's bei uns keine Chefs, nur eine Devise: Es muss ordentlich gearbeitet werden! Und darüber entscheidet unser Produzent Mike Dorth. Er bestimmt dann auch mit uns beiden zusammen, also mit meinem Bruder und mir, was auf das Album kommt. Meine Tochter Daniela macht ja auch solo Musik, in ihrem Rahmen sehr erfolgreich, sie geht jetzt auch auf Tour. Sie hat genau die gleichen Ansätze wie wir, steht noch im Beruf - sie ist examinierte Altenpflegerin, das wollte sie mit aller Gewalt.

teleschau: Dafür muss man heutzutage aber wirklich Idealist sein, oder?

Ulrich: Das kannste laut sagen. Was da täglich geleistet wird, und von der Bezahlung braucht man gar nicht zu reden: Da muss man Idealist sein, aber das ist sie, und sie macht das mit ganzem Herzen. Das macht mich auch stolz.

teleschau: Hat sie ihre soziale Ader von Ihnen geerbt? Sie arbeiten ja eng mit dem Weißen Ring beim Thema Kindesmissbrauch zusammen.

Ulrich: Ja, das Thema ist uns sehr wichtig. Wir haben ja ein paar Lieder mit knallharten Texten; darauf werden wir manchmal auch nach Konzerten von betroffenen Fans angesprochen.

teleschau: Sie haben in Einzelfällen auch schon Fans durch Ihre Kontakte mit dem Weißen Ring weitergeholfen ...

Ulrich: Ja, da kam mal eine ältere Dame nach dem Konzert zu uns, ganz schüchtern, und bat um ein paar Worte. Sie hatte keinen Kontakt mehr zu ihrem eigenen Enkelkind, der Lebensgefährte der Mutter würde es schlagen, und Anrufe beim Jugendamt hätten nichts gebracht. Da nutzten wir unsere Kontakte zum Weißen Ring, und die konnten mehr bewegen. Nach ein paar Wochen rief mich die ältere Dame an, hat geweint am Telefon und sagte, jetzt sei alles okay.

teleschau: Ist dieser Nebeneffekt eine der schönsten Seiten Ihres Berufs?

Ulrich: Na aber hallo, da könnte ich jubelnd über den Hof laufen! Wenn du da geholfen hast, wo andere versagen. Deswegen machen wir mit unserer Musik nichts verkehrt. Wer sie nicht mag, soll sie nicht hören. Das muss man nicht verteufeln. Wir machen Menschen glücklich mit unserer Musik. Was ist daran verkehrt? Nichts.

Sabine Metzger

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

Versenden Drucken

Weitere Artikel


Film-Starts

Film-Archiv

Suche im Radio Euskirchen Film-Archiv anhand eines Titels oder eines Darstellers nach Filmkritiken.

  
DVD-Filme

Erfahre mehr über die neu erschienenen DVDs in den aktuellen Besprechungen.

Ticketshop

Sicher Dir im Radio Euskirchen Ticketshop die Tickets Deiner Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite