Kino / Portraits

"Natürlich kann ich bissig sein"

Bryan Cranston spricht in "Isle of Dogs - Ataris Reise" (Start: 10. Mai) den knurrigen Straßenköter Chief

Das ganze Leben sei eine Therapie, findet Bryan Cranston. Es sei daher legitim, sich auf der Arbeit mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen. Dass der 62-jährige Schauspieler aus einem kleinen Kaff bei Los Angeles gerne gestörte Typen spielt, hat offenbar Methode. Selbst in "Isle of Dogs - Ataris Reise" (Kinostart: 10. Mai), Wes Andersons niedlichem Hundetrickfilm, spricht Cranston den aggressivsten Köter. Wobei ihm Männer wie Walter White in der Drogenserie "Breaking Bad", Cranstons bekannteste Rolle, durchaus Angst einflößen, wie er im Interview in einem Berliner Hotel freimütig gesteht.

teleschau: Sie stehen gerade in London für die Theaterversion der Mediensatire "Network" auf der Bühne: Mögen Sie im Moment Storys mit Botschaften? Davon gibt es in "Isle of Dogs" ja auch einige ...

Bryan Cranston: Nicht nur im Moment. Ich mag sie generell, weil es darin meist sehr interessante Figuren gibt. Ich spiele in letzter Zeit ja ohnehin ziemlich verstörte Typen, wie es scheint. Das gefällt mir außergewöhnlich gut, weil ich mich in den Rollen an meinen eigenen Unzulänglichkeiten abarbeiten kann. Meine Arbeit ist meine Therapie.

teleschau: Meinen Sie das ernst? Viele Schauspieler sagen genau das Gegenteil: dass sie ihre Arbeit von ihrem Privatleben strikt trennen.

Cranston: Das meine ich vollkommen ernst. Sehen Sie: Irgendwie ist doch das ganze Leben eine einzige Therapie. Ob wir das nun bewusst wahrnehmen oder nicht. Wir lernen in jedem Augenblick, arbeiten an uns. Wir agieren und wir reagieren in einem einzigen Kontinuum. Wenn wir immer das Gleiche machen würden, hätten wir ein echtes Problem.

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teleschau: Inwiefern?

Cranston: Wir müssen uns doch anpassen! Wir müssen unser Verhalten ständig überprüfen und justieren. Darum geht es doch im Leben. Wenn ich heute Sachen sehe, die ich vor 40 Jahren machte, dann sage ich mir: "Okay, ich vergebe mir." Ich weiß, dass ich vieles heute anders machen würde. Aber ich bin jetzt eben auch 62 Jahre alt.

teleschau: Also geht's immer um Veränderungen?

Cranston: Das ist korrekt. Stellen Sie sich mal eine Band vor: Wenn die jahrzehntelang immer nur dieselbe Musik spielt, dann fragt man sich doch auch, warum sie ihre Musik von allen Einflüssen abschottet, warum sie das Leben ausschließt? Veränderungen sind wichtig, für mich sogar das Wichtigste.

teleschau: Was machen Sie in Ihrem Beruf denn anders als am Anfang?

Cranston: Fast alles. Natürlich. Schließlich fing ich mit 22 Jahren an und habe in der Zwischenzeit gelebt. Was sich nicht geändert hat: Die Schauspielerei ist immer noch meine große Liebesaffäre. Ihr habe ich meine ganze Karriere gewidmet. Mein Rat an die jungen Generationen ist deswegen immer: Wenn ihr Schauspieler werden wollt, müsst ihr euch komplett hingeben. Ein Leben lang.

teleschau: Waren Sie nie ungeduldig?

Cranston: Wissen Sie: Die willkürlichen Fristen, die sich viele Nachwuchsschauspieler setzen, halte ich für grundsätzlich falsch. Wenn mir jemand sagt: "Ich gebe mir jetzt noch drei Jahre, dann will ich es geschafft haben", dann bleibt mir nichts anderes übrig, als zu antworten: "Spare dir die Warterei! Mach' einfach mit dem weiter, was du vorher gemacht hast."

teleschau: Unbestritten ist, dass viele junge Schauspieler magere Zeiten durchmachen ...

Cranston: Richtig. Da müssen aber auch erfahrene Leute durch. Glauben Sie mir! Aber genau deswegen ist es wichtig, dass man sich auf die eigene Hingabe verlassen kann, auf die Liebe zur Kunst.

teleschau: Was fasziniert Sie denn eigentlich genau an der Schauspielerei?

Cranston: Die Macht, beim Publikum Emotionen auslösen zu können. Wenn ich auf der Bühne stehe und sich die Leute freuen, ärgern, wenn sie traurig sind oder lachen, dann fühle ich mich gut. Ein Schauspieler versagt immer dann, wenn er Langeweile auslöst.

teleschau: In "Isle of Dogs" leihen Sie einen ziemlich knurrigen Straßenköter die Stimme, der sich gerne durchs Leben beißt. Wie ist das denn bei Ihnen so? Sind Sie bissig?

Cranston: Das werden Sie schon sehen (lacht). Aber ja: Ich glaube schon, dass ich bissig sein kann. Vor allem, wenn ich mir ansehe, was in meinem Land passiert. Unsere Gesellschaft ist in Aufruhr, vieles ist verletzend, beschämend, beängstigend. Als Optimist glaube ich, dass wir auch wieder bessere Zeiten erleben werden.

teleschau: Bis es so weit ist, werden wir leider viele bedauerliche Momente überstehen müssen ...

Cranston: Stimmt. Ich freue mich trotzdem auf die Rückkehr der gütigen Menschen, die es überall gibt. Bis dahin habe ich aber kein Problem damit, bissig zu sein und meine Meinung zu vertreten und zu verteidigen. Jede Veränderung ist ein Kampf. Aber Diskurs ist wichtig für eine Gesellschaft, verschiedene Meinungen sind wichtig. Wir können und müssen uns streiten! Natürlich respektvoll und ohne den anderen zu erniedrigen, wie es die Gepflogenheit unseres Präsidenten ist.

teleschau: Welchen Unterschied macht es, einen Hund zu spielen statt einen Menschen?

Cranston: Ich hatte zwar nur meine Stimme, um die Emotion zu transportieren, aber ich näherte mich der Rolle in "Isle of Dogs" wie jeder anderen auch. Chief ist ein obdachloser Mischling, aggressiv und durchsetzungsstark, er beansprucht viel Platz für sich und hegt einen Groll gegen alle anderen Hunde, die es besser hatten im Leben. Das hört sich für mich ziemlich menschlich an. Und Menschen kann ich ja spielen.

teleschau: Wie sehr hat Wes Anderson bei den Synchronarbeiten eingegriffen?

Cranston: Kaum. Er machte vielleicht mal eine Anmerkung zur Betonung, aber ansonsten ließ er uns freie Hand: Ich habe ja viel mit Bill Murray, Bob Balaban und Edward Norton im Studio gestanden. Was übrigens sehr unterhaltsam war. Wes war dabei und hatte die meiste Zeit seine Augen geschlossen: Als würde er sich vorstellen, wie er die Puppen später arrangieren würde.

teleschau: Gebrochene Helden wie Chief haben seit Längerem Konjunktur. Waren Sie überrascht, dass sich so viele Zuschauer mit Walter White aus "Breaking Bad" identifizieren konnten?

Cranston: Ganz und gar nicht. Ich konnte mich schließlich auch mit ihm identifizieren, und ich bin ein ziemlich durchschnittlicher Typ. Er arbeitet hart, lebt von der Hand in den Mund, um seine Familie zu ernähren und die speziellen Bedürfnisse seines Sohnes zu erfüllen. Er muss sich durchs Leben kämpfen, so wie es viele Menschen machen müssen. Das können viele Zuschauer nachvollziehen. Sie würden auch mit dem Teufel tanzen, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten.

teleschau: Sie sagten vorhin, Arbeit sei Ihre Therapie: Hatten Sie eigentlich Angst vor Walter White?

Cranston: Natürlich. Aber es gibt viele Rollen, auf die ich mich trotz meiner Ängste einlassen muss. Ich weiß jedoch, dass ich mich besser fühle, wenn ich mich diesen Ängsten stelle.

teleschau: Was machen Sie denn, wenn Sie sich von Ihren Ängsten erholen wollen?

Cranston: Ich habe jedenfalls keine Hobbys. Wirklich nicht. Ich spiele kein Golf, ich sammle nichts. Aber ich habe ein erfüllendes Berufsleben. Ich spiele, ich lese, ich schreibe. Ich mag es, etwas zu erschaffen. Ich mag es zu arbeiten. Dass ich ein sehr liebevolles Privatleben habe, hilft dabei natürlich.

Andreas Fischer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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